Einblick in die unendliche Arroganz des Kosmos

Von Michael Rieken

Die sieben Todsünden sind im frühchristlichen Klosterleben entstanden und wurden den sieben Tugenden als Lasterkatalog gegenübergestellt. Man kann sie als eine Art Hausordnung des kirchlich geprägten christlichen Glaubens auffassen. Dass diese „Hausordnung“ nur bedingt funktioniert, zeigen die innerkirchlichen Skandale und generell der Zustand der Welt. Dass die Schwarz-Weiss- Darstellung von „Tugend = gut und Laster = schlecht“ der Komplexität des menschlichen Lebens und Zusammenlebens nicht gerecht wird, scheint klar.

Wir haben hierin eine einfache Erklärung für das Zirkusartige dieses Sündenzuges, denn auch der Zirkus passt ja nicht mehr wirklich in unsere Zeit. Diese immergleichen Attraktionen ziehen, wenn überhaupt, dann nur noch die Kinder in den Bann und vielleicht die Alten, die das Rennen schon lange aufgegeben haben. Was wir sehen, wenn wir an den sieben Wagen vorübergehen, schockiert heute niemanden mehr wirklich: Das alles ist uns ganz alltäglich geworden.

Vielleicht besteht aber gerade darin zugleich die Faszination, die all diese Arbeiten dennoch auf uns ausüben: Wie konnte uns das alltäglich werden? müssen wir fragen und: Was kann uns noch erschrecken? Konzentriert in kleinen hölzernen Häuschen ist hier all das verrucht-alltägliche für uns aufbewahrt. Das setzt uns in die Lage, es vorübergehend zu betrachten wie etwas Äußeres, das uns gar nichts angeht.

Die Anzahl der Scharniere – sieben – verweist auf das ‚Buch mit sieben Siegeln’, d. h. weitere Verschlossenheit. Beim näheren Betrachten stellt man fest, dass in zwei Wänden der unzugänglichen schwarzen Hütte Türspione angebracht sind, die in normalen Haustüren die Bewohner vor unliebsamem Besuch warnen sollen. Durch diese Türspione wird hier umgekehrt ein Blick in das Innere des Objekts gewährt. Im finsteren Schwarz des dunklen Innenraums sind einige Lichtpunkte zu erkennen: sie erlauben uns einen Blick in die unendliche Arroganz des Kosmos.

Nachdem wir vergebens einen Zugang oder Einblick in das Erscheinen von Hochmut und Arroganz – der landläufigen Meinung nach übrigens ein häufiges Wesensmerkmal zeitgenössischer Kunst – gesucht haben, bemerken wir bei der Betrachtung des Objekts aus einiger Distanz, dass sich die Umgebung, in der das Objekt aufgestellt wurde, in der schwarzen Lackierung matt spiegelt. Wie um das fragwürdige moralische Konzept der Todsünden versöhnlich zu durchdringen, hat der Künstler einen Teil der Hüttenhülle mit hochglänzendem Lack übersprüht, so dass sich die Umgebung hier verstärkt spiegelt.

An dieser Stelle nimmt das hochglänzende = hochmütige Objekt etwas auf und gibt es demütig wieder. Todsünde und Tugend haben sich durchdrungen, und den Weg dorthin können wir verfolgen.


STEFAN DEMMING

1973
geboren in Westfalen

1999 – 2019
Staatsexamen I+II in Kunst und Geschichte

1999 – 2007
Studium Freie Kunst, Diplom und Meisterschüler im Atelier für Zeitmedien bei Prof JF Guiton, Hochschule für Künste Bremen

2000 – 2013
Preise und Stipendien, u.a. Deutscher Videoinstallationspreis der Stadt Marl, Bremer Förderpreis für Bildende Kunst, Videokunstförderpreis Bremen, OLB-Medienkunstpreis des EMAF Osnabrück, Studienstipendium des Cusanuswerks, DAAD-Reisestipendium für die USA, Projektstipendium der Euregio und des DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst

Seit 2010
Kontextbezogene Projekte im Öffentlichen Raum, ua. Die kleinste Show der Welt 2, Plantage, Lebendig Platt, Kunsthalle Weseke (mit M. Rieken) Dietmar Schmale (Do. Billig)

www.stefandemming.de